Die Geschichten hinter den Bildern von Renat Semenov
Vom Künstler
Galeriekünstler Renat Semenov, seit 2000 Mitglied im Künstlerverband Russlands. Er nahm an gesamtrussischen und regionalen Kunstausstellungen teil. Seine erste Einzelausstellung fand in Peking statt (1995), die bislang letzte - in Abakan («Seltsame Träume von Miguel D., 2017»). Seine Gemälde und grafischen Arbeiten befinden sich in Privatsammlungen in Russland, Großbritannien und Deutschland.

Renat erzählt der Galerie "KVARTIRA S" von seinen Kunstwerken.


«Anbetung der Heiligen Drei Könige» und «Anbetung der Hirten» gehören zu den zentralen Motiven der Renaissancemalerei, die heute leider fast völlig aus dem Blickfeld weltlicher Künstler verschwunden sind. Die «Anbetung» ist keinesfalls eine Illustration, sondern ein Glaubensbekenntnis. Die Geschichte der Menschheit ist christozentrisch, und ihre grundlegenden Ereignisse sollten zeichenhaft dargestellt werden; deshalb ist das Hauptfeld des Diptychons weitgehend abstrakt, während allein die zentralen Figuren unverzerrt bleiben. Dasselbe geschieht auf der Ebene des Seins: Nur das Heilige hat Gewicht; alles andere ist Schema, Abstraktion.
In der Kindheit faszinierte jeden von uns die Illusion, die durch die Spiegel eines Kaleidoskops entsteht: Wird es gedreht, geraten alle Teile in Bewegung, sodass sich das Bild fortwährend verändert. Auch unsere Welt ist ein Kaleidoskop, und solange sich die Erde dreht, wird das Leben nicht aufhören, sich zu wandeln.

«Der erste Morgen der Welt» - das ist der allererste Anfang der Erde, der Höhepunkt ihrer Fülle, als der Verfall ihre diamantenen Facetten noch nicht berührt hatte. Wie alle Farben des Spektrums in einem vom Licht durchdrungenen Wassertropfen Platz finden, so hatte die Erde selbst, einem riesigen Tropfen gleich, die schöpferische Kraft des Ewigen in sich gesammelt. Der Titel des Gemäldes enthält eine Anspielung auf den Film «Die siebente Saite» (Regie: Alain Corneau).

«Das Land der Faulenzer» - ist so, als hätte Bruegel der Ältere in Russland gelebt. Wir sind keineswegs ein faules Land, nur unsere Vorstellung von Bedürfnissen und Komfort ist etwas anders, zumindest war sie es einmal. Wir können ein großes Land aufbauen und dabei einen Sack mit Schlitzen für die Arme tragen. Wir konnten Meisterwerke schaffen und leben, wo immer es sich ergab, mit einem Steinchen unter dem Kopf. Deshalb sind die «Faulenzer» auf dem Gemälde recht tatkräftig und liebenswert, denn sie sind die Unsrigen, von ihrer eigenen Fantasie in ein Land mit Ufern aus süßem Gelee versetzt. Brot gab es in Russland nie umsonst; deshalb hat der Traum vom Paradies auf Erden uns stets ebenso sehr genährt wie das Brot selbst.
Die menschliche Welt ist zerbrechlich: Manchmal baut man Beziehungen über Jahre hinweg auf, doch ein einziges Wort, ein einziger falscher Satz kann sie zerstören. Wir errichten Türme zu Babel, haben dann aber Angst, wieder hinabzusteigen. Wir glauben an die Kraft, und sie reicht niemals aus.

«Die gläserne Stadt» gleicht blaugrünen Glasschichten, in denen Menschen und Spiegelbilder, Fantasie und Wirklichkeit ineinanderwachsen. Das Gemälde handelt davon, wie alles wirklich ist: wie sehr wir uns täuschen, niedergedrückt von der Schwerkraft und unserer eigenen Erfahrung. Die Welt ist nicht so, wie sie scheint; sie ist komplexer und verletzlicher und braucht deshalb unseren Schutz wie eine wunderschöne Christbaumkugel eine Schicht Watte und die Wärme einer Hand…

«Andalusien» verweist auf Spanien und den maurischen Stil. Gelb und Schwarz verflechten sich darin wie blendende Sonne und undurchdringliche Nacht. Schwarz ist die Farbe des Mönchsgewandes, Gelb ist Gold und Zitrone: Irgendwo an der Grenze zwischen Glauben und Leidenschaft entsteht ein unverwechselbarer Klang. Es ist ein Herz, das zugleich Schwert und Glocke ist.



«Jenseits des Schlafes», «Durchgehende Rhythmen», «Silber der Straßen» - sind Gemälde, die erstaunlicherweise unter dem Einfluss der altspanischen Malerei und der Illustrationen mittelalterlicher Buchmaler entstanden, welche byzantinische Stilistik mit der leuchtenden Stilisierung orientalischer Miniaturen verbanden. Die Bilder vereinen beide Traditionen; sie sind zugleich abstrakt und gegenständlich wie Träume, wie die fragmentarische Schärfe eines Blicks, den man im Fenster eines vorbeirasenden Zuges erhascht.

«Die himmlische Schlacht» beruht auf einer biblischen Geschichte: Sie zeigt den Kampf der Engel gegen die dunklen Mächte vor deren Sturz. Eines der verbreitetsten Motive des Mittelalters ist heute nur noch selten auf den Leinwänden zeitgenössischer Künstler zu finden, die mit den epischen Meistern der Vergangenheit nicht konkurrieren können. In der «Himmlischen Schlacht» ist das Böse verschwommen und besitzt keine konkreten Züge; die Engel verschmelzen zu einer bebenden Lichtwolke, doch einzelne Details sind erkennbar: Waffen und die Verzierung des Gefieders. Es hat keinen Sinn, mit Bruegels Raffinesse oder dem Gigantismus von Michelangelo und William Blake zu wetteifern. Dennoch schuf der Künstler sein Werk mit Blick auf sie - in dem Bewusstsein, dass die Größe der Idee einer abstrakten Form die Körperhaftigkeit einer klaren und kraftvollen Aussage verleihen kann.

